OPEN MOUSE

Die rote oder blaue Pille? Wer das Fun betritt, wird unweigerlich an die SchlŸsselfrage aus Matrix erinnert. Nur ist in diesem New Yorker Downtonwclub unter der Manhattan-Bridge der Zutritt in den roten Bereich mit keinerlei Gefahren verbunden. Wer aus der in blau gehaltenen Bar und Lounge die Treppen hinauf in die VIP-Galerie steigt, sollte nur eines mitbringen: Neugierde. Denn nur zu gerne lassen sich die digitalen KŸnstler im roten DŠmmerlicht in den Bildschirm schauen. Denn very important sind bei der Open Mouse nicht die KŸnstler selber, sonder hauptsŠchlich das, was man so alles aus dem Computer holen kann.
Projeziert auf vier gro§e LeinwŠnde und mindestens 27 Ÿbereinander gestapelte Fernseher, erzeugen die digitalen Netzkunstwerke, bewegten Websites, Animationen, Videso und virtuelle-philosophischen Texte, html-Befehle und Pixel-Spielereien ein Ambiente wie im Inneren eines hochmodernen Gro§rechners. Computerfans dŸrften sich bei den Open Mouse Abenden im Fun jedenfalls in etwa genaus so fŸhlen, wie Audrey Hepburn bei Tiffanys.

€hnlich wie bei einem Open Mike dŸrfen KŸnstler aller Sparten sich und ihre Werke prŠsentieren. Nur sprechen, rappen oder singen sie nicht ins Mikrofon, sondern lassen mit ihrer Mouse den Cursor Ÿber den Bildschirm flitzen. Erlaubt ist alles, einzige Grenze ist die KapazitŠt der Macs und PCs. Ziel ist es, den Austauch zwischen virtueller und realer Welt zu fšrdern, eine Kollaboration zwischen digitalen KŸnstlern und DJs, einen kritischen Diskurs zwischen Netz-KŸnstlern und denjenigen, die interessiert sind an den Kunstformen in der schšnen Welt der neuen Medien.

"Wir wollen dem Publikum zeigen, dass es integriert ist, dass eine stŠndige Wechselwirkung besteht zwischen dem, was um sie herum passiert und auf dem Computerbildschirm", erklŠrt Mark Tribe, GrŸnder und Vorsitzender von Rhizome.org (www.rhizome.org), einer nichtkommerziellen Organisation und Plattform Netzkunst, die gemeinsam mit Soundlab (www.soundlab.org) jeden letzten Donnerstag im Monat zur Open Mouse einlŠdt.
TatsŠchlich begnŸgen sich nur wenige mit der rein visuellen und audiellen Berieselung. NatŸrlich lЧt sich auf den blauen Sofas prima loungen und nach dem ersten Flash der einem beim Betreten diesem mit Soundloops vertonten Computer-Overload Ÿberkommt, braucht man erstmal eine Pause im blauen Bereich. Aber nach ein, zwei Caipirinhas wŠhlen die meisten dann doch die rote Pille und steigen nach oben in die mit Kabeln, Macs und PCs vollgestopften Galerie um im Austausch mit den KŸnstlern nach der Wirklichkeit hinter den Projektionen zu suchen. Meist ist die Ausstellung von Internetkunst ja leider noch immer auf die anonymen Weiten des World Wide Web beschrŠnkt und verliert sich hyperverlinkt in den Tiefen des Netzes. Ein realer Austausch au§erhalb des Internets scheint dem Medium nicht zu entsprechen, wobei die Open Mouse genau das Gegenteil beweist. Hier werden nicht nur digitale Kunstwerke prŠsentiert sondern auch deren mathematische Geheimnisse an die OberflŠche gebeamt und deren Auswirkung zur Diskussion gestellt. WŠhrend der Tokyo-Fusion-Show von Paul Clay und Yuki Takyi flimmern nicht nur live gefilmte niedliche japanische Nippes und Magazinfotos Ÿber hektische Stra§enszene, sondern auch Zahlen und Programierbefehle. Ergebnis ist eine visuelle Reise durch die mit der Cyberwelt vernetzte UrbanitŠt Tokyos, die auf die Kontroverse dieser Stadt abzielt, die pendelt zwischen hochtechnologisierter Hardware und verniedlichter PŸppchen-€sthetik.

Oft geht es aber um weniger matrixologische Reflektionen Ÿber die Digitalisierung unserer Lebensweit, die Erweiterung von Kommunikation und VerŠnderung der Perzeption durch Computer und Internet, sondern einfach darum, wie der Computer am besten als Werkzeug zur Umsetzung neuer Kunstideen eingesetzt werden kann. KŸnstlerin $uzy Spence, die sich ihren Lebensunterhalt mittlerweile als Webdesignerin verdient, ist etwa begeistert davon, "endlich echte Bewegung in meine Bilder bringen zu kšnnen". Und natŸrlich nutzt die KŸnstlerin die in kŸnstlerischer Freiheit entstandenen €sthetik-Ideen auch fŸr Kundenprojekte. Mark Tribe zufolge ist "der Synergie-Effekt zwischen der Netz-Kunst-Gemeinde und der Industrie im Silicon Alley gro§". Wobei ein paar alteingessesne East Village KŸnstler bei der jŸnsten Open Mouse die Zielrichtung wechselten. Ausgerechnet oder gerade in Zeiten der New Economy Krise wollen sie mit ihrem Unternehmen "Webbitown" an die Bšrse gehen. Immerhin ist dieses noch genauso viel wert, wie das Papier, auf das die Aktien gedruckt wurden. Denn die Aktien sind derzeit das einzige, was Webbitown in der realen Welt produziert. 300 Musiker, Maler, LebenskŸnstler haben sich mittlerweile auf einer der Webbitown-Corporation-Aktien verewigt, die nun an Downtown-Galerien und Privatpersonen versteigert werden sollen. Per Powerpoint-PrŠsentation wurden die Open Mouse-GŠste darŸber aufgeklŠrt, dass 50,1 Prozent des Kapitals an Webbitown gehen, 49,9 an die KŸnstler. Und die Aktienteilhaber? Neben den kŸnstlerisch gestalteten Papieren erhalten sie Anspruch auf ein GrundstŸck in einer virtuellen Stadt. Wobei sich alle online Interaktionen auch auf die RealitŠt auswirken. Kauft etwa ein Webbitown-Bewohner einen anderen online ein Buch ab, wird er dieses real mit der Post geschickt bekommen. Hm, ob es sich dafŸr lohnt, die rote Pille zu schlucken?



Das Fun virtuell

Josefine Kohn
>> 02.07.2001